Auf Initiative der SPD Mitglieder Anneli Hegerfeld-Reckert, Mitglied im Kreistag, und Jens Lücke, Mitglied im Rat der Gemeinde Nordwalde und Vorsitzender des Sozialausschusses wurde die neue Geschichtswerkstatt ins Leben gerufen, die sich bei ihrer Auftaktveranstaltung mit dem Thema „Verschickungskinder und Kinderkuren“
beschäftigte. Der erste Info- und Diskussionsabend im Bispinghof zeigte mit rund 40 tief betroffenen Gästen, wie akut der Bedarf an Aufarbeitung vor Ort ist.
In der eigentlich gemütlichen und lockeren Atmosphäre der Kaffeestube des Bispinghofs entwickelte sich schnell eine spürbar emotionale und dichte Debatte. Viele Nordwalderinnen und Nordwalder nutzten den geschützten Raum der Veranstaltung, um von ihren eigenen, oft jahrzehntelang verschwiegenen Erlebnissen aus ihrer Kindheit zu berichten. Das Zuhören allein berührte die Anwesenden tief; bei vielen Betroffenen und Gästen sorgten die Schilderungen für feuchte Augen und ein mulmiges Gefühl.
Ein Massenphänomen mit lebenslangen Folgen
Um dem Abend ein fundiertes Fundament zu geben, hatten die Initiatoren namhafte Experten geladen. Der Historiker Dr. Jens Gründler vom LWL-Institut für Regionalgeschichte verdeutlichte in seinem Fachvortrag die historischen Dimensionen: „Kinderkuren und Kinderverschickung waren ein Massenphänomen.“ Zwischen 1950 und 1990 wurden in der Bundesrepublik schätzungsweise 14 Millionen Kinder verschickt. Die verordneten Kuren sollten eigentlich der Erholung dienen, um den gesundheitlichen Folgen von Urbanisierung, schlechter Luft und prekären Wohnverhältnissen entgegenzuwirken.
Doch die Realität sah für viele Kinder anders aus. Dr. Gründler betonte, dass man diese Ambivalenz aushalten müsse: Während manche Kinder die Kuren durchaus als positiven Urlaub in Erinnerung haben, erlebten unzählige andere in den Heimen ein von Zwang geprägtes System. Die Zeitzeugenberichte des Abends bestätigten dies schmerzhaft: Sie erzählten von erzwungener Isolation, extremem Heimweh, drakonischen Strafen bei vermeintlichem Fehlverhalten und der obligatorischen Mittagsruhe, die unter Androhung von Gewalt durchgesetzt wurde. Die Angst vor Wasser oder das Unbehagen bei späteren Reisen sind nur einige der Traumata, die viele Betroffene bis heute begleiten. Diese Erlebnisse hatten oft „Auswirkungen auf das ganze Leben“.
Die schwierige Suche nach historischen Beweisen
Wie komplex die wissenschaftliche Aufarbeitung ist, machte Kreisarchivar Jannik Schröder deutlich. „Es gibt kaum Akten zu den Kinderkuren, und es ist schwer, an Material zu kommen“, so sein Befund. Die offiziellen Unterlagen der Träger oder Behörden beinhalten meist nur bürokratische Stammdaten wie Name, Alter, Größe, Gewicht und die medizinische Diagnose. Über den tatsächlichen Alltag der Kinder, die pädagogischen Methoden oder Missstände sagen diese Akten so gut wie nichts aus. Umso wichtiger sei der Ansatz der „Oral History“ – also das systematische Sammeln und Dokumentieren von persönlichen Erinnerungen der Betroffenen, um das Bild der Geschichte zu vervollständigen.
Wie geht es weiter? Erinnerung lebendig halten in Nordwalde
FĂĽr die SPD Nordwalde ist dieser Abend ein deutliches Signal, dass das Thema nicht wieder in der Versenkung verschwinden darf. Das groĂźe Vertrauen, das die Zeitzeugen bereits am ersten Abend bewiesen haben, ist Verpflichtung und Ansporn zugleich.
Moderator Jens LĂĽcke nahm den Impuls direkt mit: Im Rahmen der Geschichtswerkstatt sollen nun strukturierte, ausfĂĽhrliche Interviews mit Betroffenen gefĂĽhrt werden, um deren Geschichten fĂĽr die Nachwelt und die lokale Historie zu sichern. Auch die Rolle der Eltern, die ihre Kinder damals oft im guten Glauben weggeschickt hatten, sowie das Verhalten des damaligen Heimpersonals sollen weiter beleuchtet werden.
Herzliche Einladung zum nächsten Treffen:
Wer sich für die Arbeit der Geschichtswerkstatt interessiert, eigene Erfahrungen und auch andere Themen einbringen möchte oder einfach den Austausch sucht, ist zum nächsten Arbeitstreffen eingeladen:
Donnerstag, 9. Juli, um 19:00 Uhr wieder auf der Kulturinsel Bispinghof
Bei diesem Treffen werden die nächsten organisatorischen und thematischen Schritte der Arbeit der Geschichtswerkstatt in Nordwalde besprochen.
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